HERNER EV

Seit 1970 - Aus Herne - Für die Region

„Ich bin selbst mein größter Kritiker!“

Mehr als die Hälfte der Hauptrunde in der Oberliga Nord ist für den Herner EV absolviert (Stand: 5.2.). Wir sprachen mit Cheftrainer Danny Albrecht über den bisher nicht zufriedenstellenden Saisonverlauf, die Kritik in den sozialen Medien und die bisherigen Lehren aus der Corona-Zeit.

Du bist seit Herbst 2018 Chefcoach des Herner EV. Dies ist deine erste Station als Trainer. Wie bewertest Du die Zeit am Gysenberg bisher?
Danny Albrecht: Es war eine der besten Entscheidungen, die ich getroffen habe und auch eine der größten Chancen, die ich bekam. Alle drei Jahre sind aber grundverschieden. Im ersten Jahr gab es eine durchwachsene Hauptrunde mit zahlreichen Höhen und Tiefen sowie sensationelle Playoffs. Letzte Saison gab es eine Hauptrunde, die fast tadellos war und nach der wir mit großen Ambitionen in die Playoffs gegangen wären. Leider wurden uns diese durch Corona verwehrt. Die aktuelle Saison ist bisher nicht zufriedenstellend, aber es liegt auch noch die zweite Hälfte der Hauptrunde vor uns.

Die aktuelle Saison läuft, wie Du sagst, sportlich nicht nach Plan. Welche Hauptgründe siehst Du dafür?
Albrecht: Da gibt es viele Gründe. Einen Sommer, der durch die Pandemie nicht nach Plan lief. Die nicht vorhersehbaren Abgänge, auf Grund verschiedenster Anlässe der Sportler. Der wirtschaftliche Engpass aufgrund der entfallenen Playoffs. Der erste Lockdown und dessen Folgen, die uns dazu gezwungen haben, bei der Kaderplanung mit weniger Geld auszukommen.

Die so wertvolle Vorbereitung, bei der man nie genau wusste, wann die Saison anfängt. Die vielen verletzten Spieler in der Vorbereitung sowie bei den zahlreichen Spielen im Dezember. Die größte Baustelle, die ich aber sehe, sind die leeren Hallen sowie der fehlende Zuspruch der Zuschauer. Es gibt Mannschaften, die weniger talentiert sind aber eine sehr gute Rolle spielen. Diese Sportler müssen jeden Tag 120 Prozent geben, um mithalten zu können oder besser zu sein. Dann gibt es Mannschaften wie uns, in denen viel Talent steckt und die oftmals ihre Motivation durch Anerkennung und Zuspruch der Leute im Stadion oder über die sozialen Netzwerke bekommt.

Zudem haben auch wir in dieser Saison acht Spieler mit Kindern zwischen 0-5 Jahren, die es in Pandemie-Zeiten besonders schwer haben und vor besondere Herausforderungen gestellt werden. Zudem entfallen Treffen mit Freunden aktuell auch. Ihnen geht es genauso wie ganz vielen anderen Familien in Deutschland. Da ist es für den einen oder anderen zuhause im Moment wirklich nicht so leicht.

Auch ich habe bei der Zusammenstellung des Kaders sicher den einen oder anderen Fehler gemacht. Ob es durch Sparmaßnahmen war, sodass wir vielleicht eine jüngere Verteidigung verpflichtet haben. Vielleicht hätten wir auch Spieler verpflichten sollen, die körperbetonter spielen und mehr über ihre harte Arbeit kommen. Das sollen keine Ausreden sein, denn wir arbeiten mit den Jungs Tag für Tag. Manchmal fehlt etwas die Geduld der Fans und Zuschauer, die aufgrund des Erfolges der letzten zwei Jahre, sehr hohe Erwartungen haben und jetzt verständlicherweise enttäuscht sind.

Wir haben aber von Anfang an kommuniziert, dass es eine schwere Saison wird und es in erster Linie um das wirtschaftliche Überleben geht. Niemand hat davon gesprochen, dass wir Meister werden wollen oder ganz oben mitspielen werden. Jeder kann sich aber sicher sein, dass wir jeden Tag neu reflektieren und mit der aktuellen Situation definitiv nicht zufrieden sind.

Der Februar wird mit elf Spielen (Stand: 4.2.) sehr anstrengend. An welchen Stellschrauben möchtet Ihr drehen, damit das Team wieder in die Spur findet?
Albrecht: Ich glaube die wichtigste Stellschraube wird sein, von allen die harte Arbeit zu verlangen und diese in jedem Spiel abzurufen. Dazu müssen wir unsere defensiven Fehler abstellen und nach vorn  wieder geradliniger und zielstrebiger sein. Das allerwichtigste wird aber sein, dass wir das Selbstvertrauen schnell zurückerlangen und als Einheit auftreten!

In den sozialen Medien wird die Mannschaft aktuell scharf kritisiert, auch Kritik an deiner Person bleibt nicht aus. Wie stehst Du dazu und wie gehst Du damit um?
Albrecht: Wenn es im Sport nicht läuft ist man immer in der Kritik. Wie ich in der zweiten Antwort bereits erwähnt habe, ist aber diese Kritik nicht immer förderlich in Bezug auf das angesprochene Selbstvertrauen sowie die Motivation der Sportler. Vor zwei Jahren hatten wir in der Hauptrunde den gleichen Saisonverlauf. Nur war damals die Erwartungshaltung der Fans nicht so hoch, wie sie in diesem Jahr ist. Ich verstehe, dass die Zuschauer, die Geld dafür bezahlen, auch Leistung erwarten. Das erwarte ich von den Sportlern und von mir auch. Daher stehen wir im ständigen Austausch mit den Sportlern sowie mit Jürgen, um wieder erfolgreicher zu sein. Und für die Personen, die an mir Kritik üben: Seid Euch sicher, ich bin selbst mein größter Kritiker.

Wie beeinflussen die Geisterspiele die Motivation der Spieler und die Vorbereitung auf die einzelnen Partien?
Albrecht:
Vom Gefühl her sind Geisterspiele ehrlich gesagt wie bessere Trainingsspiele. Es fehlt die Anerkennung durch Zurufe oder das Anpeitschen der Fans. Aber auch mal der ein oder andere Pfiff gegen den Schiedsrichter. Trotzdem wissen wir auch, dass es ein Privileg ist, Eishockeyspielen zu können und so unseren Lebensunterhalt zu verdienen. Da geht es Millionen Menschen in Deutschland schlechter.

Welches Ziel oder welche Ziele möchtest Du in dieser Saison mit Herne erreichen?
Albrecht: Das erste Ziel sollte es sein, dass wir uns schnell stabilisieren. Wir haben noch 22 Spiele vor uns bevor es in die Playoffs geht. Da kann und wird definitiv noch viel passieren. Wir schauen von Spiel zu Spiel und wollen in jeder Partie hart arbeiten.

Gibt es schon etwas, was du aus dieser Saison definitiv mitnehmen wirst?
Albrecht: Ich wünsche mir ein bisschen mehr Verständnis von allen Seiten. Auch ich habe es mit harten Worten in Pressekonferenzen oder in der Kabine versucht. Das Wichtigste, das ich in dieser Saison bisher gelernt habe, ist Verständnis und Geduld. Nicht jedes erfolgreiche Projekt ist jede Woche oder jeden Tag top. Ich hoffe, dass wir durch Wille und Leidenschaft aus der jetzigen Situation gestärkt rauskommen!

Albrecht Interview